Kalorienrestriktion
Weniger essen, länger leben
Weniger Kalorien verlängern das Leben – jedenfalls das von
Tieren. Bei Menschen ist das bislang nicht belegt. Wohl aber, dass es zu
Veränderungen im Körper kommt, die lebensverlängernd wirken können
© Seleneos/photocase.comHunger
hat David Stern eigentlich immer. "Mich stört das nicht, ich bin das so
gewohnt." Zum Frühstück stopft sich der 64-jährige Amerikaner eine
Handvoll
Walnüsse und Mandeln in den Mund, zum Mittag kredenzt er sich fettarme Hühnchenbrust und
Obst. Abends steht ein großer Teller gekochtes
Gemüse auf dem Speiseplan.
Brot,
Kartoffeln,
Reis oder Pasta isst Stern so gut wie nie,
Milchprodukte
nur selten. Auch gemeinsame Abendessen mit seiner Frau sind eine
Rarität. All das nimmt der Netzwerkadministrator auf sich, weil er so
alt wie möglich werden will. David Stern ist ein Croni, das steht für
"caloric restriction with optimal nutrition": Diese Leute essen rund 25
Prozent weniger
Kalorien als sie bräuchten, dabei achten sie auf genügend
Vitamine,
Mineralien und andere wichtige Nährstoffe.
"Schon
als Kind hatte ich Angst davor, alt zu werden", erzählt Dave Fisher,
der auch Croni ist. Mit Anfang 30 las er einen Artikel über Mäuse, die
mit
weniger Kalorien
länger lebten. Ab da reduzierte er schrittweise seine tägliche
Kalorienmenge. Jetzt isst er wie David Stern nur noch 1500 Kalorien
statt der für sie notwendigen 2800. "Ich hatte keine
Migräne mehr und viel seltener
Erkältungen", sagt Fisher. Stern bestätigt: "Man fühlt sich viel besser damit. Außerdem brauche ich keine
Blutdruckmittel und
Fettsenker mehr."
"Bauch verdaute ständig"
Aline Berger fing vor fünf Jahren mit Kalorienrestriktion an. Ihren
wirklichen Namen möchte die junge Bibliothekarin lieber nicht preisgeben
– ihre Kollegen könnten sie für merkwürdig halten. "Mein Bauch
verdaute
ständig, das fand ich so unangenehm. Außerdem war ich immer müde und
ohne jeglichen Antrieb." Gerächt habe sich das "viele Essen" mit Migräne
oder
allergischen Reaktionen. Seitdem nimmt die 1,64 Meter große Frau ebenfalls nur noch 1500 Kalorien pro Tag zu sich. Sie ernährt sich mit
gesunder Mischkost, trinkt keinen
Alkohol und
raucht nicht. Mit einem
Body-Mass-Index
von knapp 19 schrammt sie an der unteren Grenze des Normalgewichts.
"Ich habe viel mehr Energie, bin klarer im Kopf und zielstrebiger. Und
ich spüre meine
Verdauung nicht ständig." Aber werden sie, Dave Fisher und David Stern durch ihr Essverhalten auch länger leben?
"Bislang zeigte noch keine Studie, dass Kalorienrestriktion beim
Menschen das Leben verlängert", sagt Michael Ristow, Inhaber des
Lehrstuhls für Humanernährung an der Universität Jena. "Aber es kann zu
Veränderungen im Körper führen, die möglicherweise lebensverlängernd
wirken."
Weniger Kranksein
Erste Hinweise, dass ein Verzicht auf Kalorien das Leben verlängern
kann, fanden Forscher von der Cornell-Universität in den 1930er Jahren.
Von 106 Ratten lebten diejenigen länger, die weniger Kalorien aufnahmen.
Seitdem haben etliche Studien einen lebensverlängernden Effekt der
Kalorienrestriktion bei Würmern, Insekten, Fischen, Fliegen, Ratten und
anderen Spezies gezeigt. Einen ganzen Schritt weiter in Richtung Mensch
kamen Wissenschafter des Primaten-Forschungszentrums in Wisconsin mit
einer 20-jährigen Langzeitstudie an 76 Rhesusaffen. Tiere, die mit 30
Prozent weniger Kalorien auskommen mussten als ihre normal ernährten
Artgenossen, litten seltener unter
Diabetes,
Herz-Kreislauf-Krankheiten oder
Krebs.
Langlebigkeitsgene aktiv
Erkenntnisse über den Menschen haben Forscher bisher vor allem durch
Beobachtungsstudien gewonnen. Eine der größten kommt aus Japan: In der
Verwaltungsregion Okinawa leben vier- bis fünfmal so viele
Hundertjährige wie in anderen Industriestaaten. Forscher beobachteten,
dass die Menschen dort 20 Prozent weniger Kalorien zu sich nahmen als im
restlichen Japan. Das allein beweist aber noch nicht viel. "Die Leute
dort essen zum Beispiel viel
Fisch, der reich an
Omega-3-Fettsäuren
ist - das könnte sie vor tödlichen Herz-Kreislauf-Krankheiten
schützen", sagt Thomas Lüscher, Direktor der Zürcher kardiologischen
Uniklinik.
Außerdem fand man bei ihnen häufiger Gene, die das Risiko für
chronische Krankheiten senken. Solche "Langlebigkeitsgene" könnten auch
die Sirtuine (Sirt) sein, die durch Kalorienrestriktion aktiviert werden
und in Alterungsvorgänge involviert sein sollen. "Aus Versuchen mit
Mäusen wissen wir, dass Sirt-1 die Entwicklung von
Arteriosklerose bremst", sagt Lüscher.
Stoffwechsel im Keller
Luigi Fontana, Internist an der Washington- Universität und am
Istituto Superiore di Sanità in Rom, will wissen, was im Körper bei
Kalorienrestriktion vor sich geht. In einigen Beobachtungsstudien mit
jeweils 20 bis 30 Mitgliedern der Cron-Gesellschaft in den USA fand er
heraus: Nach durchschnittlich sechs Jahren Ernährung mit weniger als 30
Prozent der jeweils benötigten Kalorien hatten die Cron-Leute einen
geringeren Blutdruck, gesündere
Blutfettwerte und Blutgefäße als eine Vergleichsgruppe.
Für
diese Effekte gibt es mehrere Erklärungshypothesen. Eine der gängigsten
ist die "Rate of living"-Theorie: "Vereinfacht kann man sagen, dass man
länger lebt, weil der Körper seine Stoffwechselvorgänge herunterfährt",
erklärt Ernährungswissenschaftler Ristow. "Dabei gewöhnt er sich an das
verringerte Kalorienangebot." Grundumsatz und Körpertemperatur sinken,
und es entstehen weniger
freie Sauerstoffradikale, die Zellen und Organe schädigen und die Alterung beschleunigen. Verschiedene Untersuchungen haben diese Vermutung bestätigt.
Ein weiterer Mechanismus könnte ein Rückgang an chronischer
Entzündung sein: Bei den Cronis wurden weniger Entzündungsbotenstoffe im
Blut nachgewiesen. "Chronische Entzündungen schädigen langfristig die
Organe", sagt Fontana. Auch der Wachstumsfaktor GH und der
Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor IGF scheinen eine Rolle zu spielen -
sie sollen in Alterungsprozesse und in die Entstehung von Krebs
involviert sein. Durch Kalorienrestriktion sanken ihre Konzentrationen
im Blut ebenfalls.
"Anti-Aging ein Traum"
Bis jetzt gibt es nur wenige randomisierte Studien, bei der sich
Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip entweder kalorienreduziert oder
normal ernähren. Solche Untersuchungen sind aussagekräftiger als
Beobachtungsstudien, weil sie den Einfluss der Gene oder des Lebensstils
weitgehend ausschließen. Die erste größere ist das CALERIE-Projekt von
Eric Ravussin, Professor am Pennington Biomedical Research Center in
Louisiana. Bei 48 Teilnehmern fand er nach sechs Monaten
Kalorienrestriktion ähnliche Veränderungen im Blut wie in den
Beobachtungsstudien. Derzeit läuft eine zweijährige Folgestudie mit 225
Teilnehmern.
Abgesehen davon, dass eine dauerhafte
Kalorienrestriktion viel Disziplin erfordert, kann sie auch
gesundheitliche Nachteile haben. So weiß man, dass bei einer stark
kalorienreduzierten Diät die Knochenmasse abnimmt und die Muskelkraft
nachlässt. Auch das Risiko einer
Magersucht
darf man nicht ausschließen. "Bis jetzt ist Anti-Aging noch ein Traum",
sagt Thomas Lüscher von der Uniklinik Zürich: "Bis wir wirklich wissen,
wie wir das Altern am besten aufhalten können, kann man nur wieder zu
einem gesunden Lebensstil raten. Etwas weniger zu essen, kann vielen
nicht schaden – aber übertreiben muss man es nicht."
Dr. med. Felicitas Witte ist Ärztin und Journalistin, sie lebt in Basel.